teardrops

Auto

Ein bisschen weine ich ja schon, sagt die Gegenüber zum Autohändler. Ich nicke.
So viel, wie Sie allein an Versicherung in das Auto stecken, um dann nicht damit zu fahren – da können Sie sich doch jede Woche ein Taxi nehmen, antwortet er.
Die Gegenüber seufzt: Sie haben ja recht. Und trotzdem …

a place in berlin

gleisdreieck

Bist du das? Mit dem Begleiter?, fragt die Gegenüber. Ich glaube, den kenne ich.
Na klar kennst du ihn, sage ich.
Er sieht nett aus. Er hat auch – wenn ich mich recht erinnere – einen ganz netten Gegenüber, sagt die Gegenüber. Den kenn ich nämlich auch, der steht in letzter Zeit häufig hinter mir, wenn ich die Brillen bei Fielmann probiere.
Die Gegenübers sind immer nett, sag ich.
Oooh, das hast du aber schön gesagt.
Das war auch so gemeint.

white

Drops

Der Drops ist gelutscht, sage ich zur Gegenüber. Der unausweichliche Tag steht bevor. Dann sind wir die Doppel-4.
Da freu ich mich doch drauf!, ruft die Gegenüber, packt mich, und wir drehen ein paar Walzerrunden.
Du hast dich gut gehalten für eine Doppel-4, sagt sie.
Du auch, antworte ich, und wir grinsen und wirbeln und wirbeln.

blue

Samarra

Ah, das kenne ich, ruft die Gegenüber. Das sind Glassteine. Daraus haben die früher Fußböden gemacht.
Woher weißt du das?, frage ich erstaunt.
Ich war dabei. Ich denke, es war irgendwo am Tigris. Kann das sein?
Samarra.
Ja, genau! In Samarra. Die Stadt stand leider nicht so lange. War aber sehr beeindruckend. Und ziemlich groß: 50 km lang, oder so.
Das ist so groß wie das heutige Berlin, sage ich.
Ja, kannste mal sehen: Die hatten im 9. Jahrhundert echt was drauf. Da haben wir hier noch auf Bäumen gehaust.
Naja …
Doch, doch. Ich sag dir: Diese Fußböden aus Glassteinen – das war wie kühles Wasser. Super! Die wussten schon, was sie tun, sagt sie und hat glänzende Augen.

green

alte Mensa

In der „Alten Mensa“ kann man sehr gut brunchen, erzähle ich der Gegenüber.
Danke, dass du mich nicht mitgenommen hast, antwortet sie und verschränkt die Arme.
Naja, ich war verabredet, sage ich. Nächstes Mal, ok?
Sie schaut beleidigt an die Decke. Was sind Spiegelbilder aber auch sensibel! Nicht zu fassen.

red

architektur

Schau mal, sag ich. Da hat es in der Ausstellung durchgetropft. Man kam gar nicht richtig an die Bilder ran.
Wo ist das?, fragt die Gegenüber.
In der St. Anges Kirche in Kreuzberg. Na, eigentlich ist es keine Kirche mehr, sondern eine Ausstellungshalle. Die Kirche wurde entweiht – sagt man das so? Jedenfalls sind da jetzt Ausstellungen drin. Der Raum ist sehr minimalistisch, die Architektur hat mir wirklich gut gefallen. Eignet sich gut für Ausstellungen.
Eine Ausstellung über Architektur, gezeigt in einer Architektur, die undicht ist. Wenn das mal nicht schizophren ist!, sagt die Gegenüber lachend. Ein Widerspruch in sich.
Ja, stimmt, aber die roten Eimer sind schon wieder so gut, dass es wie Kunst aussieht, oder?
Verrückt, meint die Gegenüber, und wir lachen.

 

in my drawer

drawer

Die Gegenüber reißt Schubladen auf und zu. Sie flucht. Nach einer Weile geht sie mir auf den Nerv.
Was suchst du?, rufe ich.
Meine Knöpfe, ruft sie zurück.
Die Röhrchen? Die sind im chinesischen Hochzeitsschrank. Ganz oben.
Wieso hast du die da versteckt?, fragt sie.
Ich habe sie nicht versteckt, die liegen da seit Jahren. Schau mal: Da sind noch DM-Preisschilder drauf. Und ich kann mich nicht erinnern, dass du die Dinger in den letzten Jahren vermisst hast. Also sei froh, dass sie überhaupt noch existieren.
Sie grummelt und kippt dutzende von Röllchen aus der Schublade. Ich schaue zu. Dann nehme ich ein Röhrchen mit knallroten Knöpfen.
Die sind ja richtig schön, sag ich. Woher hast du die eigentlich?
Bei ebay ersteigert. Ich glaube, das waren die Reste eines Kurzwarenladens, der Pleite gegangen ist.
Und wieso hast du die ersteigert?
Weiß nicht, sagt sie. Die haben mir gefallen.
Ich setze mich zu ihr auf den Boden und wir schauen uns alle Röhrchen an. Es gibt Knöpfe in allen erdenklichen Farben und Größen und Formen.
Guck mal die hier, die sind super, sage ich über goldene, münzartige Knöpfe. Aber es gibt leider nur noch zwei.
Ich schaue weiter ein Röhrchen nach dem anderen, die Gegenüber wühlt.
Was suchst du denn?, frage ich.
Ich brauche einen kleinen schwarzen Knopf für mein kariertes Hemd. Mir ist einer abgefallen – weg!
Der Knopf liegt auf dem Tisch, den hab ich im Flur gefunden.
Sie verdreht die Augen und fängt an, alles wieder in die Schublade zu werfen.
Ich bin noch immer beeindruckt und überlege, was man mit den ganzen Knöpfen anfangen könnte. Dann kommt mir ein Gedanke:
Lockst du eigentlich die Jungs mit dem Satz „Soll ich dir meine Knopfsammlung zeigen?“ nach Hause?
Nun fliegen Röhrchen hinter mir her.

hinter den kulissen

kino von hinten

Ich sehe die Filme schon lange, bevor sie ins Kino kommen, sagt der Filmvorführer beim „Tag des offenen Vorführraums“. Good bye Lenin, zum Beispiel. Den habe ich schon zwei Jahre vorher gesehen.  Wenn sich nämlich die Regisseure den ersten Schnitt ansehen, dann kommen sie hierher. Da gibt es dann noch Bluebox-Stellen im Film, aber im Großen und Ganzen ist er schon fertig.
Die Gegenüber beugt sich zu mir und flüstert: Da könnte er doch heimlich einen Mitschnitt machen und verkaufen.
Nein, kann ich nicht, ruft der Filmvorführer. Sowas mache ich nicht.
Die Gegenüber schaut schuldbewusst.
Und außerdem steht immer ein Sicherheitsmann neben mir bei solchen Gelegenheiten, sagt der Filmvorführer und ist sauer.

café tante emma // kreuzberg

Tante Emma

Wo ist das?, fragt die Gegenüber. Sieht gemütlich aus.
Ja, ist auch gemütlich, sage ich. Das ist im Café Tante Emma am Schlesischen Tor.
Cool. Und wieso warst du dort?
Weil das MØ-Konzert im Privatclub ausgefallen ist. Krank.
Ach Gott, sagt die Gegenüber. Das ist ja blöd.
Ja, vor allem, weil wir bei minus hundert Grad vor verschlossener Türe mitten in Kreuzberg standen.
Ah, ok, verstehe. Da brauchtet ihr schnell eine Notunterkunft.
Genau. So sind wir bei Tante Emma gelandet. Möbel vom Flohmarkt und riesengroße Schaufensterscheiben. Ich fand’s sehr gemütlich. Dann kamen drei Musiker rein, Franzosen, und fragten den Barmann, ob sie spielen dürften. Der sagte, ok. Und dann gab’s Chansons für kostenlos.
Nicht schlecht.
Ja. Aber zu MØ natürlich kein Vergleich. War aber trotzdem ganz nett. Der Begleiter mochte allerdings die Sessel nicht. Sperrmüll-Weichmöbel sind ihm ein Graus. Er kann sich da nicht reinsetzen. Also saßen wir auf Holzstühlen, zwar auch vom Flohmarkt, aber nicht ganz so bakteriell belastet.
Die Gegenüber nickt sehr verständnisvoll.