present age

Pankow

Wir sitzen im Biergarten im Pankower Bürgerpark. Flugzeuge donnern im 2-Minuten-Takt über unsere Köpfe. Der Begleiter schaut auf sein Smartphone und wischt drauf herum, ich nippe an meinem Kaffee.
Gleich kommt der nächste Flieger, sagt der Begleiter. Es ist eine Boeing 737. Aus Eindhoven. Die ist grad über Bernau, aber gleich da. Hörst du’s?
Es grummelt in der Ferne, dann donnert der Flieger über uns hinweg.
Woher weißt du das?, schreie ich gegen die Triebwerke an.
Hab ein Flugzeugradar aufm Handy, sagt er und zeigt mir das Display. Der nächste Flieger kommt aus Barcelona. Air Berlin. Siehst du ihn? Pass auf! Gleich ist er da.
Wir reißen im Donnern die Köpfe hoch: airberlin.com steht auf der Unterseite des Flugzeugs.
Verrückt! Was es nicht alles gibt, schreie ich und staune und überlege, ob ich das auf meinem Smartphone auch brauche.

my favourite view

cottbus museum

Warst du schonmal in Cottbus?, frage ich die Gegenüber und reibe mir müde die Augen.
Was willst du denn in Cottbus?, fragt sie zurück. Plattenbauten und Nazis gucken?
Wir waren heute dort, sage ich. Mitnichten gibt’s da nur Plattenbauten und Nazis.
Sondern?
Die haben zum Beispiel ein sehr nettes Kunstmuseum. In einem alten Dieselkraftwerk. Das ist schonmal bauhistorisch ganz großartig. Lichtdurchflutet. Wirklich gut gemacht.
Ah ja, sagt sie. Du stehst ja auf solche Industriearchitektur. Das Foto sieht auf jeden Fall ganz gut aus.
Ja, sag ich. Ich mag das total. Da ist Charakter drin. Und in Kombination mit Kunstausstellungen kann man eigentlich nicht viel falsch machen.
Die Gegenüber nickt.
Allerdings waren wir die einzigen im Museum, sag ich. Die Museumswärterinnen rannten die ganze Zeit hinter uns her. Also ob wir Bilder klauen oder kaputt machen wollten.
Sowas kann ich ja gar nicht leiden, ruft die Gegenüber.
Ich auch nicht, sag ich.

women

tipi1

Der hat ganz schön auffällige Segelohren, flüstert mir die Gegenüber ins Ohr. Wir sitzen im Tipi an einem winzigen Tisch, trinken Weißwein und schauen die Show von Dominique Horwitz.
Und einen platten Hinterkopf, flüstere ich zurück. Sie kichert.
Aber die roten Pumps stehen ihm außerordentlich gut, sagt sie. Und dann: die Beine! Die könnten glatt als Frauenbeine durchgehen. Wirklich schöne Frauenbeine.
Psst!, macht der Begleiter kategorisch.
Psst!, machen wir gegenseitig zueinander, schauen uns vielsagend an und verschieben das Kichern auf später.

wish//mopp

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wo ist der Wischmopp?, ruft die Gegenüber.
In der Kammer, rufe ich zurück.
Es rumort und flucht am anderen Ende der Wohnung. Ich halte mich vorsorglich fern.
Dieses Geputze ist so doof, ruft es aus dem Dunkeln.
Ja, du hast recht. Ich finde es toll, dass du wischen willst, sage ich und meine es ganz ehrlich.
Du machst es ja nicht, keucht sie und taucht mit Eimer und Mopp aus der Kammer auf.
Keine Lust.
Ich auch nicht. Aber was muss, das muss, sagt sie und schwebt energisch an mir vorbei.
Ich finde es wirklich ganz toll, dass du es machst, rufe ich ein wenig kleinlaut hinter ihr her.
Schon gut! Nächstes Mal bist du wieder dran.

nobody was there but me

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ich bin groggy, sag ich zu der Gegenüber im Spiegel, die ganz schön dunkle Augenringe hat.
Frau Jolie und ihre Brüste?, fragt sie.
Genau. Das Telefon stand nicht still. Und nun habe ich Kopfschmerzen.
Leg dich aufs Sofa. Ich fahre den Rechner runter und mach uns nen Tee. Und dann schauen wir Trash-TV. Ist das ein Plan?, fragt sie und schiebt mich sacht Richtung Wohnzimmer.
Guter Plan, sage ich und sinke dankbar und mit halb geschlossenen Augen dahin.

about people

willner

Ich krieg gleich nen Vollvogel, zischt mir die Gegenüber ins Ohr; es ist so finster, dass ich sie kaum sehen kann.
Wieso? Was ist los?, zische ich zurück.
Die haben gesagt, nur fünf bis acht Leute dürfen gleichzeitig in den Raum, sagt sie. Sonst könnten wir durchkrachen. Aber die können alle nicht zählen. Oder die hören nicht zu. Guck mal, wie viele da im Raum sind, und guck mal, wie dünn der Boden ist. (Ich merke, wie ihr schwindelt.) Ich geh raus! Ich will nicht in einer vermoderten Fabrikhalle sterben. Wie sinnlos wäre das denn, bitte? Und nur, weil die alle nicht zählen können.
Komm, wir gehen ins Treppenhaus, sag ich zu ihr und greife ihren Ellbogen. Sie hat Schweißperlen auf der Stirn.

noblesse #2

Boetzow

Die Gegenüber schaut noch immer grimmig aus dem Spiegel.
Guck mal, sag ich zu ihr. Das haben die doch schön arrangiert in der Brauerei. Hochglanz-Pink. Da wird sogar Verfall ganz ansehnlich.
Sie verdreht die Augen.
Ich weiß gar nicht, was du hast, sag ich.
Sie schnieft vor sich hin. Und ruft dann:
Noch so ein Nobelding in Berlin! Wer braucht das? Kannst du mir das sagen?
Nee, kann ich dir nicht sagen, sag ich. Aber es ist besser als tote Häuser an jeder Straßenecke, finde ich.
Wir schweigen eine Weile.
Ja, da hat jemand genug Geld, um das ausbauen zu können, sage ich. Na und? Dann soll er es doch machen. Vielleicht wird’s ja gut. Vielleicht ist es aber eine alternative Kunstlocation zu viel für Berlin. Wer weiß?! Man kann ihm jedenfalls nicht vorwerfen, dass er leidenschaftslos ist. Wer ne verfallene Fabrik kauft und was draus machen will, muss wirklich Bock drauf haben.
Sie schnieft weiter und verdreht die Augen.
Worauf hast du denn Bock, hä?, frag ich weiter. Versteckst dich in deiner Spiegelwelt und meckerst. Wo sind denn deine Leidenschaften?
Ich werde mir auf jeden Fall keine Brauerei kaufen und einen ‚in Kunst‘ machen, sagt sie verächtlich.
Musst du ja auch nicht, sag ich. Aber du kannst doch was mieten. Es muss ja nicht dort sein, ergänze ich schnell. Du wolltest doch immer so ein kleines Studio haben. Ein Studio mit großen Fenstern. Damit du endlich deine Bilder malen und mit Farbe rumklecksen kannst. In einer Umgebung mit Geschmack und Kreativität. Wie in der Brauerei. — Sie schaut nachdenklich. Fast hätte ich sie überzeugt. — Und dein Mittagessen holst du dir gleich im Haus. Im La soup populaire.
Sie kommt zu sich – und ich nehme Reißaus. Sie greift nach dem Sofakissen und schleudert es hinter mir her.

 

noblesse

soup

La soupe populaire!, ruft die Gegenüber aus dem Spiegel und verdreht die Augen.
Was ist damit?, frage ich zurück.
So heißt das Restaurant, das in der ehemaligen Bützow Brauerei eröffnet wird, antwortet sie.
Aha, sag ich.
Weißt du, was das auf Deutsch heißt?, fragt sie und antwortet selbst, ohne zu warten: Volksküche.
Aha, sag ich erneut.
Volksküche!, ruft sie empört und stemmt die Fäuste in die Seiten. Mit nem Sternekoch am Herd. Und Essen in Schälchen der Königlichen Porzellan Manufaktur! Ich glaub’s nicht … Volksküche! …
Sie schüttelt den Kopf, winkt ab und verschwindet.

teardrops

Auto

Ein bisschen weine ich ja schon, sagt die Gegenüber zum Autohändler. Ich nicke.
So viel, wie Sie allein an Versicherung in das Auto stecken, um dann nicht damit zu fahren – da können Sie sich doch jede Woche ein Taxi nehmen, antwortet er.
Die Gegenüber seufzt: Sie haben ja recht. Und trotzdem …

a place in berlin

gleisdreieck

Bist du das? Mit dem Begleiter?, fragt die Gegenüber. Ich glaube, den kenne ich.
Na klar kennst du ihn, sage ich.
Er sieht nett aus. Er hat auch – wenn ich mich recht erinnere – einen ganz netten Gegenüber, sagt die Gegenüber. Den kenn ich nämlich auch, der steht in letzter Zeit häufig hinter mir, wenn ich die Brillen bei Fielmann probiere.
Die Gegenübers sind immer nett, sag ich.
Oooh, das hast du aber schön gesagt.
Das war auch so gemeint.