she wanted to get to the top, but she only reached the middle

pfeil

Nebenbei, sagt die Gegenüber. Die A. hat sich gemeldet.
Ach!, sag ich und tauche ehrlich verblüfft aus dem halb gepackten Koffer auf. Die A. hatte uns nämlich schon vor Jahren die Freundschaft aufgekündigt.
Ja, per Mail, sagt die Gegenüber. Sie ist nun verheiratet und hat ihr Hochzeitsessen in einem veganen Restaurant eingenommen.
Ach!, sage ich erneut, wobei dieses Ach eine noch überraschtere Nuance enthält als das vorherige und sich besonders auf das Wort vegan bezieht. Denn die A. und vegan waren bislang ein Widerspruch in sich. Vom Heiraten ganz zu schweigen.
Ja, und in drei Jahren ist kirchliche Trauung mit allem Brimborium, schreibt sie. Und wir sind eingeladen.
Ich schweige, weil ich keine Achs mehr habe.
Außerdem bekommt sie demnächst ihr viertes Kind.
Ihr viertes?, rufe ich. In fünf Jahren?
Die Gegenüber zuckt die Schultern.
Wir schauen uns eine Weile an und beschließen einmütig qua Neigung und Erziehung, das Thema zu beenden.
Ich glaube, sag ich und verschwinde wieder im Koffer, wenn wir morgen zu Pauly essen gehen, dann esse ich mal wieder die glasierte dicke Rippe vom Pommerschen Ochsen. Am Knochen serviert. Die hatte ich schon lange nicht mehr.
Oh ja, sagt die Gegenüber. Und zum Dessert ein Nougat-Parfait mit Salzkaramell, Erdnüssen und Tonkabohnen-Eis.
Bis wir platzen!, rufe ich.

another brick in the wall

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Wusstest du, dass die ältesten Ziegel, die man gefunden hat, aus dem Jahr 7.500 vor Christus stammen?, fragt die Gegenüber. Die hat man in Jericho ausgegraben.
Nö, wusste ich nicht, sag ich. Das ist ganz schön alt, hätte ich nicht gedacht. Die auf dem Bild sind aber nicht so alt. Die sind aus der Gegenwart.
Sehen aber genauso kaputt aus, sagt die Gegenüber.

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munich monochrome

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Was ist das?, fragt die Gegenüber.
Das sind schwarze Schachteln vom Künstler On Kawara mit einem Datum drauf …
Das sehe ich!, zischt die Gegenüber.
Lass mich doch mal ausreden!, zische ich zurück. Also: Das sind Schachteln, und innen drin liegt ein Zeitungsausschnitt von dem Tag, dessen Datum auf der Schachtel steht.
Und was für ein Zeitungsausschnitt? Was steht drauf?, fragt die Gegenüber.
Das weiß ich nicht, das hängt im Museum, da kann man nicht einfach reinschauen.
Na, das ist ja nun blöd, sagt die Gegenüber.
Nein, sag ich, das ist Konzeptkunst. Aber du hast recht, es ist unangenehm. Weil man nie rausfinden wird, was auf den Zeitungsausschnitten steht, obwohl man davor steht. Wahrscheinlich gar nichts Besonderes, sagt die Gegenüber. Bei Konzeptkunst kann es einfach ein nichtssagendes Stück Zeitung sein. Wild herausgerissen. Oder eine kleine Ecke.
Ja, das kann sein.
Ob die Daten für On Kawara irgendeine Bedeutung hatten?, fragt die Gegenüber.
Ich zucke die Schultern.
Wir schauen eine Weile auf das Foto und grübeln über On Kawaras Schachteln und deren Inhalt und über Schachtel, die wir selbst vielleicht anlegen würden, und Daten, die wir auf Schachteln drucken würden, und Dinge, die wir in die Schachteln reinlegen würden, aus unserem Leben …

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islenska

Ásger

Was für ein ernsthafter junger Mann!, flüstert mir die Gegenüber ganz aufgeregt während des Konzerts ins Ohr. Ich nicke.
Und dieses Isländisch klingt irgendwie dem Deutschen verwandt, flüstert sie weiter.
Ist es auch, flüstere ich zurück. Sie nickt. Und dann ertönt Going home. Wir schauen uns an und nicken beide.
Den müssen wir im Auge behalten, sagt die Gegenüber nach dem Konzert.
Ja, sage ich. Er ist wirklich gut.
Und so ernsthaft!, sagt die Gegenüber erneut.
Vielleicht wird man so, wenn man in Island aufwächst, sage ich.
Ja, vielleicht …
Dann schweigen wir eine Weile.
Und wie wird man, wenn man als Spiegelbild aufwächst?, fragt sie dann.

art is what world’s gonna be not what world is

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Das kann ich auch, sagt die Gegenüber.
Dann mach’s doch, antworte ich. In unserer Bude sind ja noch genug weiße Wände frei für Wall Works.
Sie verschränkt die Arme und schaut sich genau die Linie an.
Wird gemacht! Solange du keinen toten Uhu herumliegen haben willst, können wir gerne zu Haus noch mehr in Kunst machen, sagt sie und stampft in den nächsten Ausstellungsraum im Hamburger Bahnhof.
Na, da bin ich aber gespannt, sage ich und laufe ihr hinterher.

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prussia

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Eine Hausnummer, sagt die Gegenüber.
Genau, sag ich. Und dahinter blanke preussische Geschichte, handschriftlich.
Ist das das Geheime Staatsarchiv?, fragt sie und spricht gleich weiter: Da war ich auch mal. Die Randbemerkung von Friedrich II. auf dem Erlass zur Pflege von Maulbeerbaumplantagen ist witzig. Kennst du die?
‚Der Autor ist ein Esel‘, sag ich und wir lachen. Da wird doch so eine historische königliche Hoheit gleich ganz menschlich.
Ja, sagt die Gegenüber. Aber nett war die Bemerkung nicht.
Nee. Der arme Beamte, der sich an dem Erlass versucht hat, sag ich. Allein das Thema ist eine Strafe: Pflege von Maulbeerbaumplantagen.
Wir lachen.
Ich möchte niemals Archivar werden, sagt die Gegenüber. Trotz der alten Briefe und Texte und Gesetze und Urkunden.
Ich auch nicht, sag ich.