islenska

Ásger

Was für ein ernsthafter junger Mann!, flüstert mir die Gegenüber ganz aufgeregt während des Konzerts ins Ohr. Ich nicke.
Und dieses Isländisch klingt irgendwie dem Deutschen verwandt, flüstert sie weiter.
Ist es auch, flüstere ich zurück. Sie nickt. Und dann ertönt Going home. Wir schauen uns an und nicken beide.
Den müssen wir im Auge behalten, sagt die Gegenüber nach dem Konzert.
Ja, sage ich. Er ist wirklich gut.
Und so ernsthaft!, sagt die Gegenüber erneut.
Vielleicht wird man so, wenn man in Island aufwächst, sage ich.
Ja, vielleicht …
Dann schweigen wir eine Weile.
Und wie wird man, wenn man als Spiegelbild aufwächst?, fragt sie dann.

art is what world’s gonna be not what world is

hamburger bahnhof1

hamburger bahnhof1b

Das kann ich auch, sagt die Gegenüber.
Dann mach’s doch, antworte ich. In unserer Bude sind ja noch genug weiße Wände frei für Wall Works.
Sie verschränkt die Arme und schaut sich genau die Linie an.
Wird gemacht! Solange du keinen toten Uhu herumliegen haben willst, können wir gerne zu Haus noch mehr in Kunst machen, sagt sie und stampft in den nächsten Ausstellungsraum im Hamburger Bahnhof.
Na, da bin ich aber gespannt, sage ich und laufe ihr hinterher.

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hamburger bahnhof5

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hamburger bahnhof7

prussia

vierzehn

Eine Hausnummer, sagt die Gegenüber.
Genau, sag ich. Und dahinter blanke preussische Geschichte, handschriftlich.
Ist das das Geheime Staatsarchiv?, fragt sie und spricht gleich weiter: Da war ich auch mal. Die Randbemerkung von Friedrich II. auf dem Erlass zur Pflege von Maulbeerbaumplantagen ist witzig. Kennst du die?
‚Der Autor ist ein Esel‘, sag ich und wir lachen. Da wird doch so eine historische königliche Hoheit gleich ganz menschlich.
Ja, sagt die Gegenüber. Aber nett war die Bemerkung nicht.
Nee. Der arme Beamte, der sich an dem Erlass versucht hat, sag ich. Allein das Thema ist eine Strafe: Pflege von Maulbeerbaumplantagen.
Wir lachen.
Ich möchte niemals Archivar werden, sagt die Gegenüber. Trotz der alten Briefe und Texte und Gesetze und Urkunden.
Ich auch nicht, sag ich.

let’s say thank you

Reste

Die Gegenüber rafft die Luftschlangen zusammen und skandiert:
Mein Dank geht an die ganzen Menschen in orangefarbener Kleidung, die bis heute und darüber hinaus die ganzen Drecks-Silvester-Überreste beseitigen.
Und die Weihnachtsbäume, sag ich.
Ja, und die Weihnachtsbäume, sagt die Gegenüber. Stell dir mal vor, das würde niemand machen.
Wir wären unter Weihnachtsbaumskeletten begraben, sag ich. Selbst im 15. Stock.
Gruslig, sagt sie.
Sollten wir uns nicht auch was Orangefarbenes anziehen?, frage ich. Wo wir doch auch gerade die Silvesterüberreste beseitigen?
Oh ja, ruft sie und hüpft Richtung Kleiderschrank.
Ist aber nicht gebügelt, tönt sie kurz darauf.
Ich denke, das können wir vernachlässigen, rufe ich zurück.

achromatic 3x

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kassel

kontrast

Möchtest du in einer unbunten Welt leben?, fragt mich die Gegenüber.
Ich weiß nicht, sag ich. Könnte sehr überzeichnet sein.
Die Gegenüber nickt.
Und irritierend, ergänze ich. Schwarzes Wasser? Schiefergraue Orangen? Natur wie Kohlelandschaften? Ich weiß nicht. Du hättest dann auch keine so schönen roten Haare. Ich würde dich in der Menge nie wiedererkennen.
Aber es gäbe deutlich weniger Probleme bei der Kleiderwahl, sagt sie.
Das stimmt, sag ich. Und es gäbe keine geschmacklose blaue LED-Weihnachtsbeleuchtung.
Wir schauen uns an und sind uns nicht sicher.

evening

kino

Warm und ein bisschen windschief, nachtfließend und sehr leise, murmelt die Gegenüber und beugt sich übers Papier.
Worüber schreibst du?, frage ich und schäle eine Apfelsine.
Über das fsk, das Kino im Max-Taut-Haus.
Ja, das ist sehr schön, sag ich. Für Herz und Bauch.

bun cha la lot

phoco

Wir aßen gestern in einem sehr guten vietnamesischen Restaurant, erzähle ich der Gegenüber im Spiegel.
Was hast du gegessen?, fragt sie.
Schweinefleisch, umwickelt mit frischen aromatischen Betelblättern. Bun Cha la lot. Das habe ich noch nie gegessen und noch nie auf irgendeiner Speisekarte gesehen. Also hab ich’s probiert. War gut.
Betelblätter?
Die Gegenüber schaut mich prüfend an.
Zeig mir mal deine Zähne, sagt sie dann.
Meine Zähne sind nicht rot, rufe ich. Und auch nicht schwarz. Es waren Betelblätter, nicht Betelnüsse. Es hat einfach nur gut geschmeckt. Ok?
Betelblätter neutralisieren im Mund die DNS, sagt die Gegenüber. Das führt zu Problemen beim Analysieren von Speichelproben.
Ich stöhne auf: Ich werd’s mir merken (du Klugscheißerin).