#Gedankenbeimzähneputzen

Welche chemische Zusammensetzung hat eigentlich Bronze? Das wüsste ich heute wahrscheinlich auch dann nicht, wenn ich in Chemie eine Leuchte gewesen wäre. Im Gegensatz zu Physik und Mathe war Chemie nie mein Fall. Das ist eine Wertung über mich, nicht über die Chemie. Denn die ist eigentlich ziemlich spannend. Meine Chemielehrerin hat in der 11. Klasse am ersten Tag nach den Sommerferien eine schriftliche Leistungskontrolle schreiben lassen, auf die natürlich niemand vorbereitet war. Wer schlecht abschnitt, saß ab da in den letzten beiden Reihen des riesigen Chemieraums. Ich saß ganz hinten. Die letzten beiden Reihen hatten so gut wie keine Chance mehr bei der Lehrerin. Selbst wenn man sich meldete und mitarbeiten wollte, um die Note zu verbessern, kam man nur dann dran, wenn sich wirklich niemand anderer meldete. Ich erinnere mich, dass mich das wahnsinnig gewurmt hat. Über den pädagogischen Sinn oder Unsinn dieser Strafmaßnahme habe ich mir damals keinen Kopf gemacht, nur über meine Note. Am Ende saß ich deutlich weiter vorn und hatte eine Zwei im Zeugnis. Wissen tue ich trotzdem nichts mehr, meine Begeisterung für Chemie ist nicht gewachsen, aber die Lehrerin würde ich im Dunkeln auf der Straße wiedererkennen.

#Gedankenbeimzähneputzen

Also: Die Badekappe und ich gehen definitiv nicht zusammen. Was nun? Ich brauche dringend eine Badekappe. Ich möchte nicht mein edles Haar schützen, sondern die blaue Lagune vor meiner Haarfarbe. Ausbluten ist da das passende Wort. Aber die Schwimmerbadekappen sind so eng, da bekomme ich eine Gehirnquetschung. Außerdem sehe ich aus wie ein Molch.

#Gedankenbeimzähneputzen

Hätten sich Albert Einstein und Angela Merkel gut verstanden? Wenn sie Zeitgenossen gewesen wären? Ich will gar nicht von Freundschaft sprechen, sondern einfach von Chemie. Wären sie auf einer Wellenlänge gewesen? Bodenständig, mit einem feinen Humor und den Kopf voller Formeln, dabei aber mit Verantwortungsbewusstsein, Weitblick und Pragmatismus ausgestattet. Könnte gut möglich sein, dass sie sich gut verstanden hätten. Mit wem aus der Historie hätte ich mich vermutlich gut verstanden? Gerda Taro. Zumindest hätte ich sie gern kennengelernt. Wie war das mit den Zeitreisen? Hat da schon jemand was erfunden?

#Gedankenbeimzähneputzen

Mal sehen, wen sie vorschicken mit der schlechten Nachricht. Ich muss nämlich im Büro mal wieder umziehen. Das wäre das fünfte Mal in sechs Jahren. Da, wo ich sitze, empfinden mich die Kolleginnen als Störfaktor, weil ich nicht zum Bereich gehöre. Ich bin Solistin ohne Bereich, direkt dem Chef unterstellt. Blöderweise muss ich aber irgendwo sitzen, und das ist zwangsläufig immer ein Fachbereich, zu dem ich nicht gehöre. Bei den einen ist es kein Thema, bei anderen ist es ein ständiges Thema. Nun stellt der Bereich, in dem ich sitze, eine neue Kollegin ein. Die muss natürlich da sitzen, wo ich jetzt sitze – ich weiß nicht warum. Also muss ich weg. Seit einigen Tagen wird deshalb getuschelt: Wer soll es mir sagen, und wann? Sobald ich das Zimmer verlasse, rotten sich alle zusammen und tuscheln. Das merke ich. Das merkt man immer, solange noch Leben in den Knochen ist. Aber bislang hat sich niemand gefunden. Ich finde das höchst amüsant. Ich weiß ja schon, dass ich umziehen muss, aber das wissen die Kolleginnen nicht.

#Gedankenbeimzähneputzen

Es gibt irgendwann und unbemerkt einen Moment auf dem Zeitstrahl, ab dem die Mehrheit der Menschen mit Che Guevara nichts mehr anfangen kann. Verstehen Sie, was ich meine? Es ist ein bisschen abstrakt. In den 60er und in den 70ern wusste jeder auf der Welt, wer Che Guevara ist oder war. In den 80ern vielleicht auch noch. Aber dann immer weniger – lediglich sein Foto ist als Ikone der Revolution weiterhin bekannt. Aber wie der Typ heißt, der da drauf ist, und wer das war? Das wissen immer weniger. Irgendwann gibt es also diesen einen Moment, wo das „Che war neben Fidel Castro ein zentraler Rebellenführer der kubanischen Revolution“ kippt in ein „Che? Was soll das sein?“ Und niemand weiß, ob dieser Moment schon war oder noch kommt. Und von da an beginnt das Vergessen.

#Gedankenbeimzähneputzen

Ich habe einen großen Teil meines Lebens in Ländern gelebt, die es nicht mehr gibt. Nun können das die alten Ägypter oder Maya oder Leute aus dem Osmanischen Reich oder dem Herzogtum Sachsen-Weimar auch von sich behaupten, allerdings leben die nicht mehr. Ich lebe aber noch und habe ein Problem, denn ich bin in einem Land geboren, dass es nicht mehr gibt, ich kann für den Rest meines Lebens – sofern ich muss – das richtige Land weder ankreuzen noch aus Scroll-Menüs auswählen, weil es in Länderlisten nicht zur Auswahl steht. Ich muss das völkerrechtlich derzeit existierende Nachfolgeland auswählen. Das ist doch aber nicht korrekt! Und vor allem: Wenn das dann auch wieder verschwindet, wenn es zum Beispiel in einem Osmanischen Reich 2.0 aufgeht – wo bin ich denn dann geboren? Im Osmanischen Reich?

#Gedankenbeimzähneputzen

Es ist alles so anstrengend. Als hätte man Beton an den Füßen. Und im Kopf. Im Nacken. Und an den Wimpern. Überall Beton. Wenn ich Hammerwerferin wäre und heute bei Olympia um eine Medaille kämpfen müsste – nicht auszudenken, wo der Hammer landen würde. Mich würde da mal was interessieren: Wie sind Olympioniken eigentlich immer auf den Tag und auf die Minute in Superhochform? Oder wachen die auch manchmal im Sportlerhotel auf und denken: Shit, ich habe Betonarme. Ausgerechnet heute. Der Hammer ist ja an sich schon schwer, und nu muss ich das Gerät mit Betonarmen schleudern. So ein Mist. Passiert sowas? Kann da jemand Auskunft geben?

#Gedankenbeimzähneputzen

Wir lesen und reden uns die Lage systematisch schlecht. Das glaube ich sofort. Aber warum machen wir das? Es stimmt ja nicht mal, dass sie Lage schlecht ist, im Gegenteil. Und niemand hat von Natur aus Bock auf ständige Schlechtigkeiten, Frustration und Verrohung, das will doch kein Mensch. Also wieso machen wir das? Wir wollen schönes Wetter, schöne Dinge um uns herum und schöne Menschen in Cafés. Wir wollen positive Botschaften und gute Nachrichten. Warum wollen wir die nicht sehen? Die gibt es – suchen wir sie, und finden wir sie. Und zur Not am Abend einen kleinen Zettel machen: 5 schöne Nachrichten des Tages. Es darf auch was aus der Grauzone sein. Und diese Zettel bilden im Rest unseres Lebens den roten Faden hin zu mehr Vertrauen in sich selbst und die Menschheit.