Ich könnte nicht damit leben, dass du sauer bist, sagt die Büromitbewohnerin mit Tränen in den Augen. Sie ist gerade erst gekommen. Noch in Jacke zieht sie einen Stuhl heran. Gibt es da was?
„Was meinst du?, frage ich.
Das mit dem Umzug.
„Ach so.“
Weißt du, es tut mir leid, ich wusste das schon eine Weile, aber ich konnte es dir die ganze Zeit nicht sagen. Das war nicht leicht, so ein lange Zeit. Es ist ja auch gar nicht meine Aufgabe, es dir zu sagen.
„Hast du nicht gestern gesagt, du weißt es erst seit gestern?“
Naja, nein, ja, egal. Aber schau mal: Da wo du dann sitzen wirst, ist es doch auch schön. Mit den Kollegen T und M. Da passt du doch gut hin.
„Erzählst du mir gerade, was gut für mich ist?“
Nein, ich mein‘ ja nur. Es ist einfach notwendig, dass die neue Kollegin auf deinem Platz sitzt. Ich möchte nur nicht, dass du sauer bist. Es ist für mich ganz wichtig, dass du mir sagst, dass es keinen Grund gibt. Für mich persönlich. Sie klopft sich leicht auf die Brust und legt den Kopf bittend schräg. Noch immer hat sie Tränen in den Augen. Ich bin ein bisschen fassungslos.
„Es gibt keinen Grund, A.“, sage ich.

„Was ist das?“, flüstert die Gegenüber im Museum. Die Halle ist voll mit eierförmigen Dingern.
„Kokosnüsse“, flüstere ich zurück. „Im Bleimantel. Weil: radioaktiv.“
Die Gegenüber zuckt zurück.
„Das ist echt gruslig“, sagt sie dann.
„Das sind die Folgen von Atomtest auf dem Bikini-Atoll“, erkläre ich. „Weil wir alle Ignoranten und das Bikini-Atoll weit weg ist, hat uns der Künstler brühwarm das Zeug vor die Füße gelegt, quasi vor die Wohnzimmercouch.“
„Das ist sehr beeindruckend“, bestätigt die Gegenüber und zieht mich am Arm, „Aber lass uns hier weggehen.“

„Drücken Sie die Nachtigall“, liest die Gegenüber aus der Gebrauchsanweisung vor, „um zu den Einstellungen zu gelangen.“
„Ach, wie nett“, sage ich. „Drücken Sie die Nachtigall. Wirklich eine schöne Idee. Da freut man sein über sein frisch erworbenes Gerät gleich noch ein bisschen mehr.“

„Heads up, don’t look back“, singt die Band, die Gitarren sägen, das Publikum tobt. Hinter mir tanzt die Gegenüber, die Fäuste gereckt. Beim Refrain schreien alle los: „Move! Nothing’s older than yesterday.“
„Genau“, schreit die Gegenüber, und wir sehen uns an und lachen befreit.

„Die beste Idee wäre“, grübelt die Gegenüber, „den Bildungsurlaub direkt vor dem Urlaub zu machen und beides zu verbinden.“
„Du meine Güte“, sage ich. „Was willst du in Japan für Bildungsurlaub machen.“
„Sprachkurs“, sagt die Gegenüber. „Kalligraphiekurs. Töpferkurs. Papierkurs …“
„Hm“, sage ich. „Geht das überhaupt?“
„Müsste man mal recherchieren.“
„Würdest du denn irgendwas davon zwei Wochen lang machen wollen?“
„Hm“, gibt die Gegenüber zu. „Eigentlich nicht.“
„Hätte mich jetzt auch gewundert“, sage ich. „Aber Bildungsurlaub machen wir auf jeden Fall. Der ist wieder dran dieses Jahr.“

Als ich abends nach Hause kommen, tut mir alles weh.
„Mir tut alles weh“, sage ich der Gegenüber auf die Frage, wie es mir ginge. „Vor allem die Beine. Mir tun so die Beine weh.“
„Komm, wir setzen uns erstmal aufs Sofa“, sagt sie und schiebt mich ins Wohnzimmer.
„Also, was soll ich sagen“, beginne ich den Bericht über den Workshop.
„Warte mal kurz“, unterbricht sie mich. „Ich weiß, dass du mindestens ein Magengeschwür von der ganzen Sache hast. Wie auch immer es heute war: Du hast es gut gemacht, und von mir gibt’s nen Oscar. Ohne Wenn und Aber. Und jetzt schieß los.“

„Ein Segelboot“, haucht die Gegenüber. „Du hast ein Segelboot gegossen.“
„Ja“, antworte ich, selbst sprachlos. „Mit geblähten Segeln.“
„Und in voller Fahrt. Fantastisch. Aufbruch. Horizonte. Wind im Rücken“, sagt die Gegenüber, und wir freuen uns beide wie verrückt.

Als ich nach Hause komme, räumt die Gegenüber gerade auf.
„Oh“, rufe ich. „Hast du schon alle Papierschlangen weggemacht? Die hängen doch erst seit einem Tag.“
„Die hängen seit drei Tagen. Und Silvester ist vorbei“, antwortet sie und sucht die weißen Watteschneebälle aus den Grünpflanzen.
„Aber die kannst du doch noch lassen“, protestiere ich. „Das ist Schnee. Und der kommt noch. Das hat nichts mit Silvester zu tun. Oder mit Weihnachten.“ Sie schaut mich an und schaut mich an und schaut mich an.
„Na gut“, kapituliert sie. „In deinem Zimmer habe ich übrigens nichts angefasst. Lichterketten, Sterne, alles noch da. Da kannst du deine Weihnachtsstimmung weiter genießen und pflegen. Vielleicht hält sie ja dann das ganze Jahr?“
„Warum nicht?“, sage ich.
„Ja, warum nicht?“, antworte sie. „Gibt Schlimmeres.“

„Nothing changes on New Year’s Day“, schreit die Gegenüber. Wir hüpfen wie Gummibälle im Zimmer. Zum Neujahrstag ist das bei uns schon seit 1987 Tradition: U2 auf volle Lautstärke und springen, als gäb’s kein Morgen.
„I will begin again“, schreien wir und hoffen, dass uns die ganze Welt hört.

Die Gegenüber kommt vom Briefkasten und hält eine Postkarte in der Hand. „Von A“, sagt sie freudig und liest vor: „Guten Rutsch und einen guten Start ins neue Jahr! Und denk daran – keiner würde vor seinem Tod sagen: Wäre ich nur länger im Büro geblieben!“

„Was haben wir daraus gelernt?“, sagt die Frau zu ihrer Begleiterin und setzt sich in der U-Bahn gegenüber.
„Genau hinzusehen, würde ich sagen“, antwortet die andere leise, aber wir spitzen die Ohren. „Echt. Man muss sehr genau hinsehen. Oft sieht man das Disaster überdeutlich, aber genauso oft braucht man eine Lupe.“
Worüber auch immer die beiden sprechen – Politik, Klamotten, Männer, Jobs -, wir stimmen ihnen zu und nicken innerlich.
„Eigentlich“, sagt die Gegenüber später, „könnten wir das als Quintessenz des Jahres betrachten. Wir haben gelernt, genau hinzusehen.“
„Wir wollten doch nicht andauernd das Jahr analysieren“, antworte ich. „Aber du hast recht. Hinsehen ist wohl das Gebot der Stunde.“

„Warum eröffnet ein Japaner in Berlin ein Café?“, flüstere ich zur Gegenüber und zeige in die Runde. „Was ist hier japanisch? Der Kaffee ist es ja wohl nicht und der Zitronenkuchen auch nicht.“
„Die Einrichtung ist japanisch. Der Besitzer. Und seine typisch japanische Zuwendung zur Kaffeemaschine“, sagt sie. „Schau mal, der verbeugt sich sogar vor der Maschine, bevor er den Kaffee macht.“
„Aha“, sage ich. „Und deshalb eröffnet man mit Fanfaren und Trommelwirbel ein Café in Berlin? Hier gibt es hunderte, wahrscheinlich tausende ähnlicher Cafés. Hier ist de facto nichts japanisch.“
„Aber wir beide sitzen jetzt hier. Und nicht in einem der tausend anderen Cafés“, antwortet sie. „Oder? Wir sind extra hierhergefahren. Also hat der Japaner alles richtig gemacht.“

„Mein durch und durch osteuropäisches, ostdeutsches Gehirn fragt sich“, antworte ich auf die Frage der Gegenüber, warum ich ewig die Postkarte anstrarre, „ob ein durch und durch westeuropäisches Gehirn diesen Satz bedingungslos unterschreiben würde. Oder ein südeuropäisches. Aber, nein“, rufe ich und winke ab, „das ist ja Blödsinn, das hat nichts mit der Himmelsrichtigung zu tun.“
„Mein Durch-und-durch-Spiegelbild-Gehirn“, antwortet die Gegenüber, „hätte jetzt lieber mit der Himmelsscheibe von Nebra zu tun.“ Sie deutet auf den Eingang zur Ausstellung.
„Hast recht“, sage ich, und wir tauchen ein in die Wucht der menschlichen Geschichte, in der lange Zeit alles andere wichtiger und für den Menschen interessanter war als Geld.

„Ich habe Unruhe gestiftet unter den Bürodächern dieser Stadt“, fasse ich für die Gegenüber kurz mein Jahr zusammen. „Unangenehm für die Schnarchnasen und die Kleinmacher, tja, aber so ist’s.“
„Und? Geht’s dir gut damit?“, fragt sie.
„Ja“, antworte ich. „Ich muss mich nur noch dran gewöhnen, dass man bei meinem Status quo komplett anders agiert als bisher im Leben. Wäre mir vor zehn Jahren im Traum nicht eingefallen, wahrscheinlich selbst im letzten Jahr nicht. Es ist aber alles noch ein bisschen rätselhaft, wie es weitergeht.“
„Sowas nennt sich Entwicklung“, sagt sie.
„Donnerwetter!“, rufe ich. „Tatsächlich?“ Und dann lachen wir und wollen eigentlich keine ernsthaften Gespräche mehr führen über das vergangene Jahr.

„Vor hundert Jahren“, sage ich zur Gegenüber als wir am Romanischen Café vorbeigehen, „saß da drinnen die Bohème und kritzelte mit Bleistift Skizzen auf Servietten.“
„Oder Gedichte auf Zeitungsränder“, sagt die Gegenüber.
„Wir kritzeln heute nur noch To-do-Listen“, stelle ich fest.
„Dafür sind unsere Bleistifte multikulti“, sagt sie. „Aus aller Herren Länder.“
„Stimmt“, sage ich, und wir grinsen uns an.
„Wäre doch lustig“, sagt die Gegenüber etwas später, „wenn Bleistifte automatisch in ihrer Heimatsprache schreiben würden. Stell dir das mal vor.“
„Oh, das wäre echt super. Das Ende aller Verständigungsprobleme.“