#Gedankenbeimzähneputzen

Endlich Herbst. Endlich wieder Theater. (Ich glaube, sagt die Gegenüber im Foyer, du darfst heute keine Handlung erwarten. Ich weiß, sage ich und nippe am Wein, ich habe die Beschreibung gelesen. Es ist ein Nonsensstück mit null Handlung. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, sagt die Gegenüber, aber in zwei Stunden werden wir schlauer sein.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Endlich wieder Kongress. (Nicht die Dampfmaschine hat die industrielle Zeitrechnung möglich gemacht, sondern die Uhr, erkläre ich der Gegenüber am Abend, was ich gelernt habe. Erst mit der Uhr sind solche Sachen wie Eisenbahn, Pünktlichkeit, Fließbandarbeit, Stückzahl pro Zeiteinheit, Ausbeutung entstanden. Nicht umsonst haben ausgebeutete Arbeiter bei Aufständen immer die Fabrikuhren zerstört.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Auf einem Cello sägen, Kendō lernen, am Tigris eine Stadt ausgraben – mir fallen dutzendweise Dinge ein, die ich heute machen möchte. (Das sind jetzt aber nur drei, sagt die Gegenüber. Im Atlantik die Küste mit Betonbrocken sichern, eine byzantische Kirche renovieren, den ganzen Tag Törtchen Paris-Brest backen, eine Firma für Bauschutt-Sortierung gründen, die kleinen Schwäne tanzen, und zwar alle vier gleichzeitig, alte Münzen im Teutoburger Wald suchen, den Gepäckmännern am Flughafen Tegel helfen, Wäsche waschen … ja, ich würde sogar heute super gern einfach Wäsche waschen. Und bügeln. So gern, ich würde heute so gern bügeln … Ist gut! Ist gut!, ruft die Gegenüber. Ich hab’s ja verstanden. So, und nun nimm deine Tasche und beeil dich. Die Straßenbahn fährt gleich. Du kriegst das hin.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Heute ruhen wir uns aus. Vielleicht sollte ich mal wieder in den Kleiderschrank investieren. (Antizyklisch, ruft die Gegenüber. Du musst antizyklisch shoppen. Dann bekommst du noch das, was du suchst. Im Herbst gibt es keine Herbstschuhe mehr. Und im Winter kannst du den Winterjackenkauf vergessen.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Ein Tag voller Termine. Gut, dass ich wenigstens im Gehirn keinen Muskelkater habe. Niesen, Lachen und Schluckauf fallen heute aus. (Der Muskelkater zeigt dir, dass du wirklich was geschafft hast, er singt sozusagen ein Loblied auf dich, begeistert sich die Gegenüber und nickt mir über den Frühstückstisch aufmunternd zu. Ganz toll, nuschel ich, ich muss das Müslischälchen in der Hand halten, weil ich mich nicht zum Tisch beugen kann.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Wenn ich Komponistin wäre, würde ich auch eine Tianjin-Suite schreiben. (Ach ja, seufzt die Gegenüber beim Gedanken an den Chopin-Walzer. Wann waren wir in Warschau? 1983? 84?, frage ich. Ja, so ungefähr. Es war eine tolle Zeit. Ist dir aufgefallen, dass der ganze Konzertabend irgendwie mit mir zu tun hatte: Tianjin-Suite, Beethoven, Chopin, Schostakowitsch? Stimmt, ruft die Gegenüber. Das stimmt wirklich: Das war dein Leben in Musik. Ja, sag ich, mein Leben in Musik.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Wenn ich heute keine Brezel esse, brauche ich gar nicht aufstehen. Bzw. aufgestanden worden zu sein. (Das ist Phantasie-Grammatik, ruft die Gegenüber. Ich weiß, antworte ich mit Zahnpasta im Mund, warum auch nicht. Tolkien hat sich auch eine Phantasie-Grammatik ausgedacht, sogar eine komplette Sprache. 100% Phantasie – und am Ende weltberühmt und verfilmt. Phantasie-Grammatiken darf man nicht unterschätzen.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Irgendjemand hat heute einen richtig guten Tag. (Wer denn?, fragt die Gegenüber. Na ich, sage ich. Und wieso?, fragt sie weiter. Ich fahre jetzt los, ich werde in der Bahn gleich was instagramen und was twittern und lesen, was andere geinstagramt und getwittert haben, und dann werde ich mein Buch weiterlesen, ein sehr gutes Buch im Übrigen. Und dann erwartet mich ein ruhiger, aber arbeitsamer Bürotag mit netten Kollegen. Ich werde viel schaffen, ab und zu einen Kaffee trinken, mit der Kollegin brainstormen und Künftiges durchdenken. Dann werde ich Feierabend machen, ein gutes Abendbrot bekommen, anschließend einen Wein trinken und dabei einen lustigen Krimi schauen und Kirschen essen. Wenn das kein guter Tag ist, dann weiß ich auch nicht.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Ich brauche dringend Komplizen. (Wofür?, fragt die Gegenüber. Das weiß ich noch nicht, sage ich. Das hängt von den Komplizen ab, die ich finde. Dann entscheide ich, wofür ich die einsetzen kann: Flug auf den Mars oder Sturm auf die Bastille oder Weltumrundung mit dem Segelboot. Komplize wird aber im negativen Kontext verwendet, gibt die Gegenüber zu bedenken. Für Straftaten und so. Hm, sage ich. Dann brauche ich eher Kompagnons, oder? Ich bin dabei!, ruft die Gegenüber. Ich sage: Du bist ein Spiegelbild und kein Kompagnon. Was soll ich mir dir anfangen? Auch Spiegelbilder fliegen zum Mars, antwortet sie.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Heute beginnt der jährliche Pflichttermin. Ich bin außer mir vor überschäumender Vorfreude. Bloß: Wo könnte ich die Sportschuhe versteckt haben? (Weißt du, wo meine Turnschuhe sind?, rufe ich quer durch die Wohnung der Gegenüber zu. Ich muss zum Sport und bin schon spät dran. – Du neigst zum sehr gründlichen Eleminieren und Verstecken von Sportsachen, sobald du sie nicht mehr brauchst, ruft die Gegenüber zurück. – Das hilft mir jetzt nicht, schreie ich. – Schau mal im Koffer nach. Da hattest du sie letztes Jahr versteckt. Unter den beiden Rucksäcken. Auf dem Schrank.)