#Gedankenbeimzähneputzen

Die Gefahr an einem Urlaubstag: Man macht zu viel Bügeln und Co. und hat gar keinen Urlaub. (Wir machen das so, sagte die Gegenüber: Die T-Shirts kaufen wir online. Die Blusen haben ich extra auf den Bügel gehängt, die sind kerzengerade, da muss nix gebügelt werden. Der Kühlschrank ist voll – du hast ja kaum was gegessen. Von den To-dos bleibt als nur noch der Knopf, der angenäht werden muss. Und dann kannst du wieder an den Rechner. Ich lache.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Nolde? Mantegna und Bellini? Burgert? Oder Picasso? Auf jeden Fall sollten wir später einen Sake auf den Tenno trinken. (Die beiden hatten’s echt drauf, flüsterte ich der Gegenüber zu. Schau mal: Die Flügel der Engel, wie von Schmetterlingen. Ich liebe diese Details in frühen Gemälden. Die Schnecken, die am untere Rand krabbeln. Die kleinen Kieselsteine auf dem Weg, den Maria nimmt. Den Hund, der langgetreckt auf der Seite schläft und nicht bemerkt, wie Minerva die Laster vertreibt. Ich kann mich gar nicht satt sehen. Können wir nochmal eine Runde machen, einfach ohne zu lesen? Nur schauen?)

#Gedankenbeimzähneputzen

93 von 100 Punkten – da kann man zufrieden sein. (Lob, Lob, Lob, rief die Gegenüber beim Anblick der Hausaufgabe. Das ist dermaßen genial, warum machst du überhaupt das Studium? Bin beeindruckt und inspiriert. Wie hast du das gemacht? Und ich habe ihr dann erklärt, wie ich es gemacht habe. Das klang dann, als hätte ich nur 10 Minuten gebraucht, in Wahrheit war es deutlich mehr. Aber das habe ich dann nicht gesagt. Schluck, machte sie. Das ist ja ganz einfach, sagte sie dann. Das probiere ich auch mal.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Gerettet! (In deiner Tasche sitzt eine Chimäre, hatte die Gegenüber geflüstert. Wir hatten vorsichtig nachgesehen, und tatsächlich, in meiner Tasche saß Le Penseur de Notre Dame persönlich. Und zitterte. Eine zitternde Chimäre? Was es nicht alles gibt. Dabei feixen Chimären normalerweise ununterbrochen, wenn sie nachts durch die Straßen fegen und Leute erschrecken. Und nun das: eine weinende Chimäre in meiner Tasche. Du musst keine Angst haben, flüsterte ich, selbst den Tränen nah, und die Gegenüber übersetzte. Dein Zuhause ist gerettet. Le Penseur schluchzte leise auf. Er war sehr, sehr müde. Du kannst dich gern hier ausruhen und ein bisschen schlafen, ok?, flüsterte die Gegenüber und schob mich langsam aus dem Zimmer. Die Chimäre schniefte noch ein bisschen, und ich ging mit einer anderen Tasche ins Büro.)

„Was ist das?“, flüstert die Gegenüber im Museum. Die Halle ist voll mit eierförmigen Dingern.
„Kokosnüsse“, flüstere ich zurück. „Im Bleimantel. Weil: radioaktiv.“
Die Gegenüber zuckt zurück.
„Das ist echt gruslig“, sagt sie dann.
„Das sind die Folgen von Atomtest auf dem Bikini-Atoll“, erkläre ich. „Weil wir alle Ignoranten und das Bikini-Atoll weit weg ist, hat uns der Künstler brühwarm das Zeug vor die Füße gelegt, quasi vor die Wohnzimmercouch.“
„Das ist sehr beeindruckend“, bestätigt die Gegenüber und zieht mich am Arm, „Aber lass uns hier weggehen.“

„Drücken Sie die Nachtigall“, liest die Gegenüber aus der Gebrauchsanweisung vor, „um zu den Einstellungen zu gelangen.“
„Ach, wie nett“, sage ich. „Drücken Sie die Nachtigall. Wirklich eine schöne Idee. Da freut man sein über sein frisch erworbenes Gerät gleich noch ein bisschen mehr.“

„Heads up, don’t look back“, singt die Band, die Gitarren sägen, das Publikum tobt. Hinter mir tanzt die Gegenüber, die Fäuste gereckt. Beim Refrain schreien alle los: „Move! Nothing’s older than yesterday.“
„Genau“, schreit die Gegenüber, und wir sehen uns an und lachen befreit.

„Die beste Idee wäre“, grübelt die Gegenüber, „den Bildungsurlaub direkt vor dem Urlaub zu machen und beides zu verbinden.“
„Du meine Güte“, sage ich. „Was willst du in Japan für Bildungsurlaub machen.“
„Sprachkurs“, sagt die Gegenüber. „Kalligraphiekurs. Töpferkurs. Papierkurs …“
„Hm“, sage ich. „Geht das überhaupt?“
„Müsste man mal recherchieren.“
„Würdest du denn irgendwas davon zwei Wochen lang machen wollen?“
„Hm“, gibt die Gegenüber zu. „Eigentlich nicht.“
„Hätte mich jetzt auch gewundert“, sage ich. „Aber Bildungsurlaub machen wir auf jeden Fall. Der ist wieder dran dieses Jahr.“

Als ich abends nach Hause kommen, tut mir alles weh.
„Mir tut alles weh“, sage ich der Gegenüber auf die Frage, wie es mir ginge. „Vor allem die Beine. Mir tun so die Beine weh.“
„Komm, wir setzen uns erstmal aufs Sofa“, sagt sie und schiebt mich ins Wohnzimmer.
„Also, was soll ich sagen“, beginne ich den Bericht über den Workshop.
„Warte mal kurz“, unterbricht sie mich. „Ich weiß, dass du mindestens ein Magengeschwür von der ganzen Sache hast. Wie auch immer es heute war: Du hast es gut gemacht, und von mir gibt’s nen Oscar. Ohne Wenn und Aber. Und jetzt schieß los.“

„Ein Segelboot“, haucht die Gegenüber. „Du hast ein Segelboot gegossen.“
„Ja“, antworte ich, selbst sprachlos. „Mit geblähten Segeln.“
„Und in voller Fahrt. Fantastisch. Aufbruch. Horizonte. Wind im Rücken“, sagt die Gegenüber, und wir freuen uns beide wie verrückt.

Als ich nach Hause komme, räumt die Gegenüber gerade auf.
„Oh“, rufe ich. „Hast du schon alle Papierschlangen weggemacht? Die hängen doch erst seit einem Tag.“
„Die hängen seit drei Tagen. Und Silvester ist vorbei“, antwortet sie und sucht die weißen Watteschneebälle aus den Grünpflanzen.
„Aber die kannst du doch noch lassen“, protestiere ich. „Das ist Schnee. Und der kommt noch. Das hat nichts mit Silvester zu tun. Oder mit Weihnachten.“ Sie schaut mich an und schaut mich an und schaut mich an.
„Na gut“, kapituliert sie. „In deinem Zimmer habe ich übrigens nichts angefasst. Lichterketten, Sterne, alles noch da. Da kannst du deine Weihnachtsstimmung weiter genießen und pflegen. Vielleicht hält sie ja dann das ganze Jahr?“
„Warum nicht?“, sage ich.
„Ja, warum nicht?“, antworte sie. „Gibt Schlimmeres.“

„Nothing changes on New Year’s Day“, schreit die Gegenüber. Wir hüpfen wie Gummibälle im Zimmer. Zum Neujahrstag ist das bei uns schon seit 1987 Tradition: U2 auf volle Lautstärke und springen, als gäb’s kein Morgen.
„I will begin again“, schreien wir und hoffen, dass uns die ganze Welt hört.

Die Gegenüber kommt vom Briefkasten und hält eine Postkarte in der Hand. „Von A“, sagt sie freudig und liest vor: „Guten Rutsch und einen guten Start ins neue Jahr! Und denk daran – keiner würde vor seinem Tod sagen: Wäre ich nur länger im Büro geblieben!“

„Was haben wir daraus gelernt?“, sagt die Frau zu ihrer Begleiterin und setzt sich in der U-Bahn gegenüber.
„Genau hinzusehen, würde ich sagen“, antwortet die andere leise, aber wir spitzen die Ohren. „Echt. Man muss sehr genau hinsehen. Oft sieht man das Disaster überdeutlich, aber genauso oft braucht man eine Lupe.“
Worüber auch immer die beiden sprechen – Politik, Klamotten, Männer, Jobs -, wir stimmen ihnen zu und nicken innerlich.
„Eigentlich“, sagt die Gegenüber später, „könnten wir das als Quintessenz des Jahres betrachten. Wir haben gelernt, genau hinzusehen.“
„Wir wollten doch nicht andauernd das Jahr analysieren“, antworte ich. „Aber du hast recht. Hinsehen ist wohl das Gebot der Stunde.“

„Warum eröffnet ein Japaner in Berlin ein Café?“, flüstere ich zur Gegenüber und zeige in die Runde. „Was ist hier japanisch? Der Kaffee ist es ja wohl nicht und der Zitronenkuchen auch nicht.“
„Die Einrichtung ist japanisch. Der Besitzer. Und seine typisch japanische Zuwendung zur Kaffeemaschine“, sagt sie. „Schau mal, der verbeugt sich sogar vor der Maschine, bevor er den Kaffee macht.“
„Aha“, sage ich. „Und deshalb eröffnet man mit Fanfaren und Trommelwirbel ein Café in Berlin? Hier gibt es hunderte, wahrscheinlich tausende ähnlicher Cafés. Hier ist de facto nichts japanisch.“
„Aber wir beide sitzen jetzt hier. Und nicht in einem der tausend anderen Cafés“, antwortet sie. „Oder? Wir sind extra hierhergefahren. Also hat der Japaner alles richtig gemacht.“