#Gedankenbeimzähneputzen

Man muss immer vorwärts träumen. Sagte Voltaire im Traum. Wir waren gerade am Philosophieren, standen vor dem Büro, er war barfuß, was mich aber nicht wunderte. Mich wunderte sowieso nichts in dem Traum. Es fiel nämlich noch ein Haus um, hinter mir. Als es knirschte, drehte ich mich um. In einem offenen Fenster stand eine Frau im Profil und redete mit jemandem. Als das Haus umfiel, rief Voltaire: Die kriegt das gar nicht mit! Dann sind wir gerannt, Voltaire und ich, und haben Überlebende gesucht. Haben aber niemanden gefunden. (Dann klingelte der Wecker. Kannste dir nicht ausdenken so einen Traum.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Kaum gibt es ein Problem oder eine Herausforderung, heißt es gleich: Es drohe die Disruption der Demokratie. Oder 100 Ärzte veröffentlichen eine Stellungnahme, und die ist dann aber gleich ein Brandbrief. Du meine Güte! Warum muss alles gleich so dramatisch betitelt werden? Und auch noch negativ. Framing, Leute, Framing! Bitte ein bisschen mehr Achtsamkeit bei der Wortwahl.

#Gedankenbeimzähneputzen

Warum tut er sich das an? Und er sieht noch immer so gut aus und zudem wirklich erholt. Hätte er nicht was anderes machen können? Eine Firma gründen? Gärtnern? Aufsichtsrat? Makramee, Ikebana, Origami? Muss es denn wirklich wieder Real Madrid sein? Das ist doch ein Himmelfahrtskommando.

#Gedankenbeimzähneputzen

Nüchtern betrachtet sind die Zeiten spannend, allein wenn man sich die Nominierungen für den Friedensnobelpreis ansieht: Donald. Das ist so skuril, man kann nur hoffen, dass sich Japan nicht tatsächlich dazu hat hinreißen lassen, es wäre abgrundtief peinlich. Aber wenn doch, dann hoffen wir doch auf Greta, oder sagen wir so: Wir hoffen auf die Vernunft der Jury, unter den über 300 Nominierten den wahren Friedenshelden zu küren. Das hat bislang immer funktioniert, es besteht also Grund zum Optimismus.

#Gedankenbeimzähneputzen

Warum soll es erstrebenswert sein, tagelang auf sein Handy zu verzichten und Abstinenz zu üben? Fahrkarte, Eintrittskarten, Flugtickets, Code-Generator für sichere Zugänge, Kreditkartenbestätigung – es ist alles auf dem Handy. Der direkte Kanal zum Freund und zur Freundin. Der Schnappschuss aus der Straßenbahn. Die Zeitung von heute. Der Einkaufszettel. Und die Museumsliste mit den besten Ausstellungen. Also: Wir müssen uns doch eher zu einem vernünftigen, sinnvollen, suchtfreien, maßvollen Umgang mit dem Handy erziehen, und nicht zur Abstinenz. Wir leben in der Informationsgesellschaft. Digitalisierung ist in aller Munde und in allen Lebensbereichen. Wer das Weglegen des Handys fordert, möchte wahrscheinlich auch wieder auf Bäumen leben. Totaler Quatsch und rückwärtsgewandt. Das Handy muss dem Menschen dienen – da müssen wir hin.

#Gedankenbeimzähneputzen

Welche chemische Zusammensetzung hat eigentlich Bronze? Das wüsste ich heute wahrscheinlich auch dann nicht, wenn ich in Chemie eine Leuchte gewesen wäre. Im Gegensatz zu Physik und Mathe war Chemie nie mein Fall. Das ist eine Wertung über mich, nicht über die Chemie. Denn die ist eigentlich ziemlich spannend. Meine Chemielehrerin hat in der 11. Klasse am ersten Tag nach den Sommerferien eine schriftliche Leistungskontrolle schreiben lassen, auf die natürlich niemand vorbereitet war. Wer schlecht abschnitt, saß ab da in den letzten beiden Reihen des riesigen Chemieraums. Ich saß ganz hinten. Die letzten beiden Reihen hatten so gut wie keine Chance mehr bei der Lehrerin. Selbst wenn man sich meldete und mitarbeiten wollte, um die Note zu verbessern, kam man nur dann dran, wenn sich wirklich niemand anderer meldete. Ich erinnere mich, dass mich das wahnsinnig gewurmt hat. Über den pädagogischen Sinn oder Unsinn dieser Strafmaßnahme habe ich mir damals keinen Kopf gemacht, nur über meine Note. Am Ende saß ich deutlich weiter vorn und hatte eine Zwei im Zeugnis. Wissen tue ich trotzdem nichts mehr, meine Begeisterung für Chemie ist nicht gewachsen, aber die Lehrerin würde ich im Dunkeln auf der Straße wiedererkennen.

#Gedankenbeimzähneputzen

Hätten sich Albert Einstein und Angela Merkel gut verstanden? Wenn sie Zeitgenossen gewesen wären? Ich will gar nicht von Freundschaft sprechen, sondern einfach von Chemie. Wären sie auf einer Wellenlänge gewesen? Bodenständig, mit einem feinen Humor und den Kopf voller Formeln, dabei aber mit Verantwortungsbewusstsein, Weitblick und Pragmatismus ausgestattet. Könnte gut möglich sein, dass sie sich gut verstanden hätten. Mit wem aus der Historie hätte ich mich vermutlich gut verstanden? Gerda Taro. Zumindest hätte ich sie gern kennengelernt. Wie war das mit den Zeitreisen? Hat da schon jemand was erfunden?

#Gedankenbeimzähneputzen

Es gibt irgendwann und unbemerkt einen Moment auf dem Zeitstrahl, ab dem die Mehrheit der Menschen mit Che Guevara nichts mehr anfangen kann. Verstehen Sie, was ich meine? Es ist ein bisschen abstrakt. In den 60er und in den 70ern wusste jeder auf der Welt, wer Che Guevara ist oder war. In den 80ern vielleicht auch noch. Aber dann immer weniger – lediglich sein Foto ist als Ikone der Revolution weiterhin bekannt. Aber wie der Typ heißt, der da drauf ist, und wer das war? Das wissen immer weniger. Irgendwann gibt es also diesen einen Moment, wo das „Che war neben Fidel Castro ein zentraler Rebellenführer der kubanischen Revolution“ kippt in ein „Che? Was soll das sein?“ Und niemand weiß, ob dieser Moment schon war oder noch kommt. Und von da an beginnt das Vergessen.

#Gedankenbeimzähneputzen

Ich habe einen großen Teil meines Lebens in Ländern gelebt, die es nicht mehr gibt. Nun können das die alten Ägypter oder Maya oder Leute aus dem Osmanischen Reich oder dem Herzogtum Sachsen-Weimar auch von sich behaupten, allerdings leben die nicht mehr. Ich lebe aber noch und habe ein Problem, denn ich bin in einem Land geboren, dass es nicht mehr gibt, ich kann für den Rest meines Lebens – sofern ich muss – das richtige Land weder ankreuzen noch aus Scroll-Menüs auswählen, weil es in Länderlisten nicht zur Auswahl steht. Ich muss das völkerrechtlich derzeit existierende Nachfolgeland auswählen. Das ist doch aber nicht korrekt! Und vor allem: Wenn das dann auch wieder verschwindet, wenn es zum Beispiel in einem Osmanischen Reich 2.0 aufgeht – wo bin ich denn dann geboren? Im Osmanischen Reich?

#Gedankenbeimzähneputzen

Es ist alles so anstrengend. Als hätte man Beton an den Füßen. Und im Kopf. Im Nacken. Und an den Wimpern. Überall Beton. Wenn ich Hammerwerferin wäre und heute bei Olympia um eine Medaille kämpfen müsste – nicht auszudenken, wo der Hammer landen würde. Mich würde da mal was interessieren: Wie sind Olympioniken eigentlich immer auf den Tag und auf die Minute in Superhochform? Oder wachen die auch manchmal im Sportlerhotel auf und denken: Shit, ich habe Betonarme. Ausgerechnet heute. Der Hammer ist ja an sich schon schwer, und nu muss ich das Gerät mit Betonarmen schleudern. So ein Mist. Passiert sowas? Kann da jemand Auskunft geben?

#Gedankenbeimzähneputzen

Wir lesen und reden uns die Lage systematisch schlecht. Das glaube ich sofort. Aber warum machen wir das? Es stimmt ja nicht mal, dass sie Lage schlecht ist, im Gegenteil. Und niemand hat von Natur aus Bock auf ständige Schlechtigkeiten, Frustration und Verrohung, das will doch kein Mensch. Also wieso machen wir das? Wir wollen schönes Wetter, schöne Dinge um uns herum und schöne Menschen in Cafés. Wir wollen positive Botschaften und gute Nachrichten. Warum wollen wir die nicht sehen? Die gibt es – suchen wir sie, und finden wir sie. Und zur Not am Abend einen kleinen Zettel machen: 5 schöne Nachrichten des Tages. Es darf auch was aus der Grauzone sein. Und diese Zettel bilden im Rest unseres Lebens den roten Faden hin zu mehr Vertrauen in sich selbst und die Menschheit.