#Gedankenbeimzähneputzen

Linkerhand und linker Hand – wo ist der Unterschied? („Franziska Linkerhand“ ist ein DDR-Roman von Brigitte Reimann, erkläre ich der Gegenüber. Als es erschienen ist, war es die reine Provokation. Es ist trotzdem erschienen, irgendwann Anfang der 70er. Das Buch hat gefühlte 1000 Seiten und ist trotzdem unvollendet, weil die Autorin gestorben ist. Für mich in den 80ern – da habe ich das Buch gelesen – die blanke Offenbarung. Ich wollte werden wie Franziska Linkerhand, ich glaube, in vielen Punkten ihres Denkens bin ich auch so geworden.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Wer hat eigentlich den Begriff Elefantenrunde erfunden? (Wer an einer Elefantenrunde teilnimmt, ist wichtig und im übertragenen Sinne gewichtig, erklärt mir die Gegenüber am Abend. Das weiß ich doch, sage ich. Aber findest du nicht auch, dass der Begriff alles andere ist als ein Kompliment? Also ich mag ja lieber Treffen, die von Leichtigkeit und Ergebnissen geprägt sind und nicht von der Vorstellung, jetzt kommen gleich die langsamen, dicken, schrumpligen Typen, trompeten ein bisschen rum, und ich muss dabei sein.)

#Gedankenbeimzähneputzen

In Doha ist es warm. (Ist dir mal aufgefallen, sage ich zur Gegenüber, dass die moderaten Töne oder die konstruktiven oder die abwägenden oder die wirklich Bericht erstattenden Töne in der Sportberichterstattung von der Leichtathletik-WM ziemlich untergegangen sind? Es gab nur ein Thema: Es ist heiß in Kathar. Und es gab fast nur eine Art von Bildern: benommene Athleten beim Marathon. Aber hast du gesehen, dass in der zweiten Woche die Ränge voll waren? Hast du gesehen, wie toll die Medaillen aussehen? Weißt du, wer die in Handarbeit hergestellt hat? Weißt du, wie viele Sportlerinnen und Sportler teilgenommen haben? Wie viele Länder? Weißt du, ob es wieder ein Flüchtlingsteam gab wie letztes Mal? Weißt du, wie viele Medaillen die USA gewonnen haben? Oder Uganda? Oder Polen? Ich weiß das alles nicht, sage ich zur Gegenüber, würde ich aber gern. Ich würde gern Geschichten hören. Aber das einzige, was ich gehörte habe zwei Wochen lang: In Doha ist es heiß.)

#Gedankenbeimzähneputzen

Gibt es eigentlich eine Traditionsforschung abseits von Ethnologie? Und einen Modernenforschung? Und können die Forscher miteinander? (Das ist bei uns Tradition, sagt man gern. Zum Beispiel bei einem regionalen Fest, das es seit hunderten Jahren gibt, das aber in der heutigen Zeit irgendwie leicht rassistisch, sexistisch, versoffen, von gestern rüberkommt. Man will nichts ändern, schon gar nicht, weil sich ständig alles ändern muss, also sagt man: Das ist bei uns Tradition. Je mehr Kritik kommt, desto stärker beharrt man auf der Tradition. Ich finde das wirklich schwierig, ich mag Traditionen. Aber Traditionen sind doch nicht per se in Stein gemeißelt. Die muss man auch mal modernisieren. Oder nicht? Hat das mal jemand untersucht?, sinnt die Gegenüber. Wo der Spaß aufhört, sollte man aufhören, sage ich, sowohl mit einer Tradition als auch mit einer Moderne.)