Ich könnte nicht damit leben, dass du sauer bist, sagt die Büromitbewohnerin mit Tränen in den Augen. Sie ist gerade erst gekommen. Noch in Jacke zieht sie einen Stuhl heran. Gibt es da was?
„Was meinst du?, frage ich.
Das mit dem Umzug.
„Ach so.“
Weißt du, es tut mir leid, ich wusste das schon eine Weile, aber ich konnte es dir die ganze Zeit nicht sagen. Das war nicht leicht, so ein lange Zeit. Es ist ja auch gar nicht meine Aufgabe, es dir zu sagen.
„Hast du nicht gestern gesagt, du weißt es erst seit gestern?“
Naja, nein, ja, egal. Aber schau mal: Da wo du dann sitzen wirst, ist es doch auch schön. Mit den Kollegen T und M. Da passt du doch gut hin.
„Erzählst du mir gerade, was gut für mich ist?“
Nein, ich mein‘ ja nur. Es ist einfach notwendig, dass die neue Kollegin auf deinem Platz sitzt. Ich möchte nur nicht, dass du sauer bist. Es ist für mich ganz wichtig, dass du mir sagst, dass es keinen Grund gibt. Für mich persönlich. Sie klopft sich leicht auf die Brust und legt den Kopf bittend schräg. Noch immer hat sie Tränen in den Augen. Ich bin ein bisschen fassungslos.
„Es gibt keinen Grund, A.“, sage ich.

#Gedankenbeimzähneputzen

Mal sehen, wen sie vorschicken mit der schlechten Nachricht. Ich muss nämlich im Büro mal wieder umziehen. Das wäre das fünfte Mal in sechs Jahren. Da, wo ich sitze, empfinden mich die Kolleginnen als Störfaktor, weil ich nicht zum Bereich gehöre. Ich bin Solistin ohne Bereich, direkt dem Chef unterstellt. Blöderweise muss ich aber irgendwo sitzen, und das ist zwangsläufig immer ein Fachbereich, zu dem ich nicht gehöre. Bei den einen ist es kein Thema, bei anderen ist es ein ständiges Thema. Nun stellt der Bereich, in dem ich sitze, eine neue Kollegin ein. Die muss natürlich da sitzen, wo ich jetzt sitze – ich weiß nicht warum. Also muss ich weg. Seit einigen Tagen wird deshalb getuschelt: Wer soll es mir sagen, und wann? Sobald ich das Zimmer verlasse, rotten sich alle zusammen und tuscheln. Das merke ich. Das merkt man immer, solange noch Leben in den Knochen ist. Aber bislang hat sich niemand gefunden. Ich finde das höchst amüsant. Ich weiß ja schon, dass ich umziehen muss, aber das wissen die Kolleginnen nicht.

#Gedankenbeimzähneputzen

Meine Welt von Mo bis Fr ist inzwischen eine so grundverschiedene von der am Sa und So, dass ich manchmal glaube, zwei von mir zu sein. Mich irritiert das. Nicht, dass Sie denken, ich wäre eine gespaltene Persönlichkeit, ganz und gar nicht. Aber der Mo-bis-Fr-Mensch blockt jegliche Einflussnahme von außen ab, denn die Einflussnahme ist zum größten Teil mit dem Versuch verbunden, einen klein zu machen, gegen andere auszuspielen und sämtlichen beruflichen Lebenswillen zu minimieren, sofern man mehr will, als „Guten Morgen“ sagen. Der Sa-bis-So-Mensch saugt jede Einflussnahme von außen auf wie ein Schwamm. Schönheit, Kreativität, Erfolgswille, Engagement, Offenheit, Optimismus, Intelligenz, Veränderungsbereitschaft, Sturm und Drang, Fortschritt, Freiheit, Luft – immer her damit und rein in meinen Kopf und meine Seele.
Früher war das anders. Mir ist schon klar, woran das liegt, und es lässt sich derzeit nicht ändern. Aber es irritiert mich, weil ich bislang noch nie zwei von mir war.

#Gedankenbeimzähneputzen

Plan für heute: bei jeder Frage tiefgründig lächeln und lange schweigen. Nachtrag: Leider hat mich den ganzen Tag niemand was gefragt, so dass sich der Plan nicht verwirklichen ließ. Ich sollte das nochmal machen, wenn wenigstens eine Hand voll Kolleginnen und Kollegin im Büro präsent und nicht im Homeoffice oder in der Teilzeitfreizeit verschwunden sind. Ich glaube nämlich, dass das nicht so einfach ist mit dem Lächeln und Schweigen.

#Gedankenbeimzähneputzen

Hoffentlich ist es heute nicht wieder so laut im Büro. Gestern war ich wirklich empfindlich auf den Ohren. Das passiert nicht oft, vielleicht 1 Mal im Jahr. Das merke ich dann schon in der S-Bahn, wenn das kleinste Scharren mit den Füßen mich zum Wahnsinn treibt. Autoverkehr und Straßenbahnen und Menschen sind dann in Dezibelsumme nicht zu ertragen. Und wenn sich dann noch im Großraumbüro die laute N., die bei jedem Satz lacht und vor Sendungswillen fast platzt, und die aufmerksamkeitsheischende E. quer durch den Raum drei Stunden lang übers Waxing und ihre Zahnärzte und Ziehzeiten von Tee und die Bürgersteige im Ostblock und die Form ihrer Brüste (fürs Mammographiescreening geeinget?) auslassen, kriege ich nichts mehr auf die Reihe. Dann helfen auch keine Kopfhörer. Dabei kann ich sehr gut ausblenden, und Konzentration gehört auch zu meinen Stärken. Aber gestern: brutal. Überhaupt: Man lässt ja in einem Großraumbüro quasi jeden auf jeden los, wie im Hundezwinger. Vielleicht sollte man überall, wo es Großraumbüros gibt, ein Pflichtseminar „Achtsames Kommunizieren und Handeln in Großraumbüros“ einführen, bevor man Leute hineintreibt. Hunde müssen soziales Verhalten ja auch erstmal lernen.

#Gedankenbeimzähneputzen

Ich hatte eine wirklich gute Woche. Als wäre die Welt fehlerlos. Und ich kann mich nicht erinnern, dass ich außerhalb des Urlaubs schon jemals diesen Gedanken hatte: Es war eine wirklich gute Woche. Aber wahrscheinlich liegt die letzte wirklich gute Woche schon so lange zurück, dass ich mich nicht mehr an das gute Gefühl erinnern kann, eine wirklich gute Woche gehabt zu haben. Aber ich hatte definitiv schon wirklich gute Wochen in meinem Leben, das können Sie glauben. Und Monate. Und ganze Jahre. Ich habe nur das Gefühl vergessen. Schön, dass es noch da ist.

#Gedankenbeimzähneputzen

Du redest wie ein Prolet, sagte sie. Wie lange ist das jetzt her? Zwei Jahre, wahrscheinlich. Nein, ich rede nicht wie ein Prolet. Die Äußerung war ein Übergriff, gern praktiziert von selbsternannten Erziehern seiner Mitmenschen und sogenannten emotionalen Manipulatoren. Wer will, dass du anders redest – so las ich kürzlich -, der will, dass du anders denkst. Und wer will, dass du anders denkst, der will, dass du anders bist, als du bist. Wenn man das Prinzip erkennt, kann man es gut und direkt abwehren. Aber man vergisst es nicht und reagiert emotional darauf noch eine lange Zeit. Und das ist echt nervig.

#Gedankenbeimzähneputzen

Wer hat eigentlich die Mär in die Welt gesetzt, dass Jobsuche Spaß machen soll? Sie macht keinen Spaß. Die Ausschreibung: Gesucht wird die eierlegende PR-Wollmilchsau mit Journalistik-, Grafik- und Marketingstudium, Ausbildung zum Videoredakteur, Community Manager und Fotograf, Kenntnisse in sieben CMS-Formaten, Programmierkenntnisse erwünscht, drei Fremdsprachen, Auslandserfahrung, und die Kundendatenbank soll man auch betreuen sowie die Reden für den Vorstand schreiben. Ich kann nur 3 CMS bedienen, sonst habe ich alles drauf. Wird das reichen? Wird man eingeladen? Ja. Zu 3-stufigen Auswahltests, für die man 3-mal Urlaub nehmen muss, um vor Ort zu beweisen, dass man mit 30 Jahren Berufserfahrung schreiben kann. Was für ein Kackscheiß. Der potenzielle Chef ist halb so alt und denkt, man will an seinem Stuhl sägen. Ne, ich will an keinem Stuhl sägen. Ich liebe Unternehmenskommunikation, und ich bin gut. Ich möchte arbeiten und alles in die Wagschale werfen, was ich kann. Ich möchte nicht auf dummes Mädchen machen und meinen Lebenslauf runterspielen, damit sich der Chef besser fühlt. Und dann bekommt man im Vorstellungsgespräch eine Aufgabe, die dem potenziellen Arbeitgeber gerade unter den Nägeln oder auf den Social-Media-Kanälen brennt, und soll eine Lösung aus dem Ärmel schütteln. Geht’s noch? 1. Ich bin kein Bot, ich würde gern darüber nachdenken, nur das ist professionell. 2. Ich soll tatsächlich meine Erfahrungen und Konzeptionsstärke und Lösungsorientierung anwenden? Dann stellt mich ein, dann könnt ihr sie haben – ich habe nämlich die Lösung für euer Problem, aber das bekommt ihr nicht für umsonst. Gehen Sie zum Lachen in den Keller?, reizt die Personalerin am Ende noch ihre Psychofragenliste aus. Die Antwort ist ihr egal, denn sie mag keine Rothaarigen. Und sie hätte lieber eine 24-Jährige frisch vom Studium, denn ihr muss man nicht so viel bezahlen und sie wäre auch mit einer Befristung einverstanden.
Was soll daran bitte Spaß machen?

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Wo sind die wissenschaftlichen Beweise? Wer hat sie geliefert? Können hundert Pneumologen verwirrt sein oder Schlimmeres? Ist ein Bundesministerium Fakezahlen aufgesessen oder Interessen? Und überhaupt: Wie – in Herrgotts Namen – kann man feststellen, dass jedes Jahr xy Menschen an Feinstaub sterben? Wie geht das rein praktisch? Atmen sie die ganze Zeit nur Feinstaub ein, per Maske? Und die Vergleichsgruppe bekommt Sauerstoff, auch per Maske? Ja wohl kaum. Also: Wie kommen solche Zahlen zustande, die nur zu gern mit einer gehörigen Prise Alarmismus oder Skandalisierung verbreitet werden? Auf die Auflösung der Geschichte bin ich gespannt.

#Gedankenbeimzähneputzen

Wo beginnt eigentlich der Osten? Und wo ist er zu Ende? Wenn die E. ausm Büro „im Osten“ sagt, meint sie den Balkan. Sie mache dieses Jahr Urlaub im Osten, sagte sie, oder vielmehr: im Ostblock. Jeder von uns hatte da was anderes im Kopf, letztlich (so haben wir später festgestellt) weiß niemand, wo sie nun Urlaub macht, da müssten wir nochmal nachfragen. Ich mache ja auch Urlaub im Osten, aber mitnichten auf dem Balkan. Apropos: Neulich in der TV-Doku fiel der Satz „Der Osten beginnt am Brandenburger Tor.“ Wenn die E. das gesehen hätte, würde sie dann denken, am Brandenburger Tor beginnt Albanien?

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Oh Gottogottogott, ich kann vor Aufregung nichts essen. Wie kann man nur so nervös sein? Und quasi wegen nichts. Was soll schon passieren beim Workshop? Alle könnten schweigen. Ok, das wäre schlimm, aber ihre eigene Schuld. Wer gehört werden will, muss den Mund aufmachen. Das nimmt einem keiner ab, das hängt nur an einem selbst. Wie beim Sport. Oder im Sprachkurs. Entweder man strengt sich selbst an, überwindet sich, oder es ist alles für die Katz. Also: Ich mache heute auf jeden Fall den Mund auf.