#Gedankenbeimzähneputzen

Kongress, Kongress, Kongress. Das schönste an einem Kongress, den man selbst organisiert, sind die zwei Tage vorher. Alles ist fertig. Was nicht fertig ist, ist nicht fertig und wird auch nicht fertig. So einfach ist die Sache, und das ist ein sehr schöner Moment. Man hält inne und denkt nur noch darüber nach, was man anziehen soll. Und dann, wenn der Kongress losgeht, funktioniert man nur noch. Der Drucker geht nicht – Techniker. Die Stühle reichen nicht – Hausmeister. Es sind mehr Leute da, als das Catering dachte – Kekse. Die italienische Referentin möchte nicht fotografiert werden – blaues Bändchen um den Hals, damit der Fotograf gewarnt ist. Der Journalist hat Kopfweh – Tablette. Adrenalin, Adrenalin, Adrenalin. Und nach zwei Stunden hat man das Gefühl, schon eine Woche auf den Beinen zu sein. Und trotzdem: Kongresse, die man selbst organisiert hat, sind super.

#Gedankenbeimzähneputzen

Ich wünschte, ich könnte sagen, in unserer Küche hätten ständig Literaten gesessen, die Shakespeare übersetzten. Ich finde, das klingt super, wenn man als Erwachsene gefragt wird, woher man diese oder jene Fähigkeit hat. Wenn man dann von den Literaten erzählen könnte, würden alle sagen: Ah, na dann ist es doch kein Wunder, dass du so belesen und sprachgewandt bist!
Da wird eine Kausalität konstruiert, die keine ist. In unserer Küche saßen Wellensittiche, und ich selbst habe als Göre in einem russischen Dorf Kühe geärgert. Ich bin trotzdem belesen und sprachgewandt. Aber erklären Sie das mal jemandem. Insofern würden Literaten in der Küche mein Leben einfacher machen.

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Lebenspöbel! Wenn man in der Oper sitzt und jeden Satz aus den Übertiteln mitschreiben möchte, hat man bei der Wahl der Oper so ziemlich alles richtig gemacht. Erst recht, wenn man dann noch mit einem neuen Wort „Lebenspöbel“ lachend nach Hause schlendert. Lebenspöbel ist eine bestimmte Art von Menschen, die einem im Laufe des Lebens übern Weg läuft, keine besonders nette, wie man sich denken kann. Soll es schon im alten Babylon gegeben haben. Apropos Babylon: Euphrat, Tigris, Zweistromland, Wiege der Menschheit. Ich freu mich in der Oper über mich selbst, dass mir das alles noch ein Begriff ist. Allgemeinbildende Schule ist vielleicht doch keine so schlechte Idee, und die Frage „Muss ich das lernen? Wozu brauche ich das?“, die man als Schulkind des Öfteren stellt, weil man’s nicht einsehen will, wozu das Zweistromland wichtig ist, sollte man sich (auch im übrigen Leben) ganz schnell selbst verbieten. Es ist immer eine Selbstbeschränkung der eigenen Bildung und des eigenen Wissens, es ist immer eine Selbstverdummung. Ich sitze jedenfalls 30 Jahre später in der Oper, auf der Bühne zischt Euphrat als todesbleiche Frau im wogenden blauen Kleid „RUHELOS-S-S-S-!“ ins atemlose Publikum – und ich weiß, worum es geht. Das ist ein gutes Gefühl.

#Gedankenbeimzähneputzen

Gibt’s irgendwo eine Signalstörung? Ist im Brexit untergegangen. Man konzentriert sich beim Nachrichtenhören auf das Wetter, man hat ja aus den Vortagen gelernt, und dann schiebt sich doch ein Verschiebungstermin in die Wahrnehmung, und prompt hat man die Verkehrsnachrichten verpasst. Brexit im Sommer? Das geht doch gar nicht. Und was ist jetzt mit der S-Bahn: Fährt die pünktlich oder überhaupt, oder muss ich zur U-Bahn?

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Wie wird denn heut das Wetter? Ist im Brexit untergangen. Man hört und sieht und liest alle Nachrichten dazu, weil man die Welt nicht mehr versteht, oder vielmehr, weil man durchsehen will, was da passiert. Und dann grübelt man am Frühstückstisch und verpasst glatt die Regenaussichten. Was war nochmal der Backstop? Und regnet es nun heute oder nicht?